Ungewöhnliche Größe

Das Wetter der letzten Wochen hat sicher einige Freizeitaktivitäten gebremst. Der Natur und insbesondere deren grüner Abteilung hat die kühle und feuchte Witterung allerdings zu kräftigem Wachstum verholfen. Auf genau solch ein starkes Wachstum hoffen wir nun für das kulturelle und sportliche Vereinsleben in Bittenfeld im Angesicht abflauenden Infektionsgeschehens. Damit verbunden werden sicher vielfältige Berichte hier im Blättle erscheinen. Deshalb werden die Beiträge in der Rubrik des Musikvereins kürzer, eben um Platz zu schaffen für diese Wortmeldungen. 

Was passt dazu besser als an eines der größten Konzerte zu erinnern, das jemals stattgefunden hat. Anlässlich des 100. Geburtstags der USA führte Johann Strauss am 29. Juni 1872 im Coliseum in Boston den Jubilee-Waltz erstmals auf. Diese Uraufführung fand vor 100 000 Zuhören statt. Diese Zahl ist umso bemerkenswerter, da es damals noch keine elektronischen Verstärker gab. Um nun dieses gewaltige Publikum zu erreichen, wurde ein Chor von 20 000 Sängern aufgeboten. Für die Steuerung dieser riesige Schar waren 100 Subdirigenten erforderlich. Ein Kanonenschuss gab den Auftakt. Strauss selbst erinnerte sich: „… und nun geht ein Heidenspektakel an, den ich mein Lebtag nicht vergessen werde. Da wir so ziemlich zu gleicher Zeit angefangen hatten, war meine ganze Aufmerksamkeit nur noch darauf gerichtet, daß wir auch zur gleichen Zeit aufhörten. Gott sei Dank, ich brachte auch das zusammen. Die hunderttausendköpfige Zuhörerschaft brüllte Beifall, und ich atmete auf …“

In diesen Maßstäben operiert der Musikverein nicht. Aber wir freuen uns auf Auftritte vor Publikum. Der nächste geplante ist am 11.Juli anlässlich der Konfirmation in der Ulrichskirche in Bittenfeld.

Wettstreit

In der Musik kann der Auftakt mitunter kompliziert und reich verziert erfolgen, manchmal auch nur schlicht mit einer einfachen Achtel. Beim Boxen hingegen geht es ganz schnörkellos zur Sache. „Ring frei“ und schon gehen die Kontrahenten aufeinander los. Bei diesem Kampfsport ist ein Mindestmaß an Aggression vonnöten. Deshalb wird er auch nur sehr selten von Musikern gepflegt, die ja in ihrem sonstigen Tun immer die Harmonie anstreben. 

Obwohl ein paar haben es doch getan. Bertolt Brecht zum Beispiel besuchte gemeinsam mit „seinem“ Komponisten Kurt Weill (Musik zur Dreigroschenoper) eine Boxschule in Berlin. Allerdings – so die Überlieferung – war der dortige Trainer mit diesen seinen Eleven nicht zufrieden. „Da standen die beiden Kämpfer im Ring, hielten sich fest – wie unsportlich! – und diskutierten und stritten sich, aber sie hauten sich nicht.“ Womöglich zeitigte jenes „Ringen“ neue Kunst aber keine Veilchen. Selbiger Boxlehrer war andererseits ganz angetan von Paul Hindemith, den er „keinen schlechten Boxer“ nannte. Obwohl dieser Komponist der Moderne ebenso als ein virtuoser Bratschist bekannt war, scheute er dieses Risiko für seine Hände nicht. Es kam sogar vor, dass er unmittelbar vor einem Konzert zum Boxen ging. Geschadet hat es den Händen nicht. Wer weiß, vielleicht half ihm der körperliche Wettkampf sogar seine Kunst zu entwickeln. Gerade in seiner frühen Schaffensperiode schockierte er das klassische Konzertpublikum mit provozierend neuartigen Klängen (schroffen Rhythmen, grellen Dissonanzen, Einbezug von Jazz-Elementen). Das brachte ihm schließlich den Ruf eines „Bürgerschrecks“ ein.

Überhaupt ist Wettbewerb ebenfalls Motor für Entwicklung und kann zu Blüten in der Kunst führen. Beredtes Beispiel ist der Sängerkrieg auf der Wartburg. Dabei handelt es sich nicht um eine handgreifliche Auseinandersetzung zwischen Musikern sondern um eine Sammlung mittelhochdeutscher Sangspruchgedichte des 13. Jahrhunderts, von so prominenten Autoren wie Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide.

In heutiger Zeit spielen Musikwettbewerbe eine herausragende Bedeutung bei der Förderung junger Talente. Damit sind nicht nur die Formate aus dem Fernsehen gemeint, sondern gerade auch solche Dauerbrenner wie „Jugend musiziert.“ In den 58 Jahren seit Gründung haben fast eine Million Kinder und Jugendliche daran teilgenommen. Für viele von ihnen war dies der erste Schritt in eine erfolgreiche Karriere in der Musik.

Was Bittenfeld betrifft, da hat der Nussbaumverlag gerade einen Wettbewerb ausgelobt, um das Blättle mit vielseitigen und interessanten Beiträgen zu bereichern. Wir freuen uns darauf.

Spaß und Musik, …

… gehören zusammen, ganz natürlich. Wer es nicht glauben mag, der erinnere sich an seine Kindheit, an ausgelassenste Momente, als mit allem Möglichen wie Gießkanne, Töpfen und schlicht mit den zum Trichter geformten Händen die phantastischste Musik gemacht wurde. Oder erinnern wir uns an die Clowns im Zirkus, von denen ein jeder genauso ein bisschen Musiker ist. Einer der herausragenden dieser Zunft war der Schweizer Clown Grock (10.01.1880 – 14.07.1959). Eine winzige Geige war sein Markenzeichen. Mit verschiedensten Instrumenten konnte er herrlichen Quatsch fabrizieren. Doch was für das Publikum linkisch und unbeholfen wirkte, war in Wirklichkeit harte Arbeit. Die Voraussetzungen für seine musikalischen Pointen war die Beherrschung von schier unglaublichen 15 Instrumenten. Davon spielte er Violine, Klavier, Konzertina, Saxophon, Klarinette, Akkordeon und Gitarre auf virtuosem Niveau. Für die Dinger mit den weißen und schwarzen Tasten – also Klavier und Akkordeon – komponierte er sogar Lieder und Solostücke. In jedem Clown steckt eben außerdem ein Poet.

Ein ganz anderer Poet der Musik konnte am Pfingstmontag seinen 80. Geburtstag feiern. Bob Dylan erhielt vor fünf Jahren „für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition“ als erster Musiker überhaupt den Nobelpreis für Literatur. Sein Song „Blowin’ in the Wind“ avancierte zur Hymne einer ganzen Generation. Denn zum einen waren die Gitarrenakkorde zur Begleitung dieses Liedes auch für musikalisch interessierte Laien leicht erlernbar. Zum anderen waren die Fragen, die im Liedtext gestellt wurden, genauso eindringlich wie die Melodie.

Nicht minderen Einfluss jedoch speziell auf die deutsche Rockkultur hatte Udo Lindenberg. Sein 75. Geburtstag war bereits am 17.Mai. Doch er und seine Hits scheinen frei vom Einfluss der Zeit. Weil der Text auch in ihnen eine besondere Rolle spielt, haben wir noch kein passendes Arrangement für den Musikverein „Frei weg“ gefunden. Aber was nicht ist, kann ja noch kommen. Wie bereits erwähnt, wird die Zeit im Panikuniversum mit ganz anderen Ellen gemessen. 

Apropos Unvergänglichkeit, zu guter Letzt wollen wir der amerikanischen Kindergärtnerin Patty Hill gedenken, die vor 75 Jahren starb. Sie verfasste die Worte zu einer Melodie, die ihre Schwester Mildred komponierte. „Happy Birthday to You“ kennt nun beinah jeder. Wir intonieren diesen Evergreen, der es zum Gassenhauer gebracht hat, immer wieder gern, immer zu einem wirklich schönen Anlass. Freude und Musik gehören zusammen, ganz natürlich.

Komm lieber May, …

…und mache
Die Bäume wieder grün,
Und laß mir an dem Bache
Die kleinen Veilchen blühn!

Für dieses Gedicht voller Sehnsucht nach Wärme und Sonne des späteren Lübecker Bürgermeisters Christian Adolph Overbeck fand Wolfgang Amadeus Mozart in seinem letzten Lebensjahr eine sehr eingängige Melodie. Ihr ist es zu verdanken, dass es als eines der ganz wenigen Kunstlieder zu einem wahrhaftigen Volksschatz wurde. 

Nicht immer hat es der Mai in der Kunst so unaufhaltsam zu so nachhaltigem Erfolg gebracht. 

Nehmen wir zum Beispiel Reinhard Mey. Obwohl er sich bereits als Kind sehr zur Musik hingezogen fühlte und sich aus eigenen Interesse und Lust am Spiel die Trompete selbst beibrachte, ließ sein künstlerischer Durchbruch auf sich warten. Zumindest seinen ersten beiden Bands – in den Jahren 1957 beziehungsweise 1961 gegründet – war die dauernde Anerkennung nicht beschieden. Auch die Solokarriere als Chansonsänger startete eher bescheiden. Die Zeitschrift „Der Spiegel“ konstatierte mit einem gewissen Weitblick schließlich „schien es freilich, als würde die Karriere des Liedermachers im kommerziellen Abseits enden. Denn der Beamtensohn […] tingelte […] durch Studenten-Pinten, Keller-Kneipen und Provinz-Turnhallen – ohne nennenswerte Resonanz. […] Das deutsche Show-Business nahm jahrelang kaum Notiz von ihm oder spottete bestenfalls: ‚Der Mey ist ein Spinner‘.“ Vor nunmehr 50 Jahren endlich wandte sich das Blatt. Wieder war es ein Thema der Hinwendung der Menschen zur Natur und Beschäftigung mit Pflanzen. Mit dem Song „Der Mörder ist immer der Gärtner“ wurde Reinhard Mey einem großen Publikum bekannt. Sein Hit „Über den Wolken“ brachte es fast zum Volkslied. Genauso wie das Lied „Komm, lieber Mai, und mache“ bis 1914 in die „Liste der in Volksschulen zu lehrenden Lieder“ stand, findet sich nun „Über den Wolken“ im „Liederbuch für die Schule“ (ISBN 3-06-150525-3).

Mit Fug und Recht kann man den Song als Evergreen bezeichnen. Die Aktiven des Musikvereins „Frei weg“ Bittenfeld spielen das Stück auf jeden Fall mit Vergnügen. Wir hoffen, dass es unserem Publikum ebenfalls Spaß bereitet.

Gerade treffen wir jetzt die Startvorbereitungen für baldige musikalische Übungsrunden und mögliche Auftritte noch in diesem Jahr.

Feiertage im Mai

Über viele Jahre gab es für die Aktiven des Musikvereins „Frei Weg“ Bittenfeld einen Auswärtstermin, auf den sich alle freuten, und zwar unser Gastspiel beim Fest des „Musikvereins Stuttgart Gaisburg 1897 e.V.“, das traditionell auf Christi Himmelfahrt – mancherorts auch Herrentag genannt – fiel.

Die Zeiten ändern sich. Manche Traditionen können leider nicht fortgeführt werden. Trotzdem müssen wir im Mai nicht auf besondere Feiergelegenheiten für Musiker verzichten. Nehmen wir zum Beispiel den vergangenen Freitag. Da wurde nämlich der „Internationale Tag der Tuba“ zelebriert. Zugegeben, diesen speziellen Tag feiert man nur in ausgesuchter Runde. Und der Allgemeinheit ist er wenig bekannt. Dennoch hat er sogar einen eigenen Internetauftritt

Wer hat‘s erfunden? In diesem Falle war es mal kein Schweizer sondern ein junger Amerikaner namens Joel Day aus Philadelphia (Pennsylvania, USA), der als einer von nur zwei Tubisten seines Orchesters mehr Aufmerksamkeit für sein Instrument erzielen wollte. Schließlich ist ohne Bassfundament keine gute Blasmusik denkbar. Selbst Sinfonieorchester wollen auf diese tragende Säule nur ungern verzichten.

Dementsprechend ruft der Welt-Tuba-Tag seit 1982 dazu auf, alle Tubisten und Tubistinnen zu würdigen, die trotz Gewicht und der Größe dieses Instruments aus der Familie der Bügelhörner ausreichend Puste haben müssen, um den Musikstücken Tiefe und Rhythmus zu verleihen.

Wer in diesem Jahr nicht dabei war, kann sich den Tag für das nächste Jahr vormerken. Er fällt immer auf den ersten Freitag im Mai. Verbleiben wir also in freudiger Erwartung auf den 06.Mai 2022.

Übrigens recht bemerkenswert ist eine Verwandte aus der Familie der tiefen Blasinstrumente. Es ist die Doppel-Bass-Flöte, von der nur 4 Exemplare weltweit bekannt sind. Dieses Monstrum ist noch größer als eine Tuba. Und weil sich die 5,5 m Rohrlänge schlecht falten lassen, kann man das über 2 m hohe Instrument nur im Stehen spielen. Wem das aber gelingt, erzeugt einen wahrhaft ungewöhnlichen Sound, der irgendwie an ein Nebelhorn erinnert. 

Zurück zu unserem Verein. Mit einer Doppel-Bass-Flöte muss sind keiner unserer Musiker abplagen. Dass wir aber in Reihen der unserer Aktiven einen engagierten Tubisten haben, freut uns auf jeden Fall sehr.

Wandel und Beständigkeit

Den Monat April als Muster der Beständigkeit heranzuziehen, wirkt im ersten Moment etwas seltsam. Jedoch bei näherer Betrachtung ist er genau das. Es gibt in der Abfolge der Witterungsphänomene eines Jahres eine Periode besonders wechselhaften Wetters. Und die liegt ziemlich verlässlich im April. Dass dies keine neuzeitliche Erkenntnis ist, lässt sich an der Vielzahl der Sprichwörter ablesen, die gerade über das Aprilwetter kursieren. 

Die unauflösliche Einheit jener widersprüchlichen Begriffe von Wandel und Beständigkeit sind ebenso in der Mode bestens bekannt. Schließlich lautet die Devise dort: „Nichts ist so beständig wie der Wandel“

Die Musik ist dem Zeitgeschmack in gleicher Weise unterworfen. Wobei man dabei sogar unterschiedliche Zyklen feststellen kann. Denn selbstverständlich wird immerfort neue Musik geschrieben. Die Hitlisten sind ständig in Bewegung. Doch obendrein ändern sich die Grundrhythmen (oft Tänze), die bevorzugt verwendeten Instrumente, kurzum der Musikstil im Laufe der Zeit, allerdings deutlich gemächlicher.

Gleichwohl Mode ist nicht gleich Mode. Während nämlich die auf das Äußerliche bedachten Stile und Effekte der Kleidung hauptsächlich darauf gerichtet sind, sich von den Anderen zu unterscheiden, wird Musik komponiert, arrangiert, gesungen und gespielt, um das Innere der Mitmenschen anzusprechen. Das ist auch der Grund, warum uns eigentlich unmodern gewordene Musik immer wieder aufs Neue anspricht. Eben deshalb ist es wichtig, Musik jeglicher Richtungen „im Angebot“ zu behalten. Dieses reicht von den Volksliedern, über die asketische Klarheit gregorianischer Gesänge, über prunkvolle barocke Opern und klassische Sinfonien zu den Rappern unserer Tage.

Diesem Anliegen des Bewahrens ist auch der Musikverein „Frei weg“ Bittenfeld verbunden. Unser Repertoire umfasst neben aktuellen Stücken aus Rock, Pop und Schlager ebenso „klassische“ Blasmusik wie Polkas und Märsche. Und für bestimmte Anlässe spielen wir genauso mit Hingabe Choräle sowie festliche Instrumentalstücke. Gerade auf das Letztere richtet sich nun unser Augenmerk. Wir beginnen jetzt also mit den Vorbereitungen auf die Konfirmation, die im Juli geplant ist. Denn wegen der Pandemieentwicklung wird der Musikverein auf das 1.Mai-Fest verzichten. 

Programme

Ob wir es nun wollen oder nicht, der menschliche Erfindungsgeist schreitet voran und ersinnt ständig Neues. In den letzten Jahren fanden Umwälzungen hauptsächlich im Bereich elektronischer Geräte und der zugehörigen Software statt. Dabei hat sich selbst der Name der Software mit der Zeit verändert. Heute spricht man weltweit von Apps, statt wie früher von Programmen zu reden. In unseren Tagen findet man diesen Begriff eigentlich nur noch im Zusammenhang mit Programmiersprachen. Diese haben sich mittlerweile so weit auseinanderentwickelt, dass es zum Beispiel ganz spezielle nur für grafischen Bedienoberflächen gibt und wieder andere ausschließlich für Auswertungen von Bilder und Mustern. Gerade im letzteren Bereich gibt es seit ungefähr 20 Jahren Bemühungen, Algorithmen so zu erschaffen, dass die Computer, die damit arbeiten, sich selbst Wissen aneignen können. So entstehen Entscheidungsstrukturen, die kein Mensch programmiert hat und die sich teilweise sogar der menschlichen Kontrolle entziehen. Der Fachmann spricht deshalb von maschinellem Lernen. Diese Anwendungen gehören zum Bereich der künstlichen Intelligenz.

Wann und ob überhaupt künstliche Intelligenz in der Lage sein wird, Kunst zu erschaffen, steht heutzutage nicht fest. Ausschließen möchte das aber kein Kenner der Materie. Doch das bleibt ein Thema für die Zukunft. Im hier und heute jedoch ist Musik etwas zutiefst Menschliches. Wobei, Programme gibt es in der Musik schon lange. Damit sind nicht nur die Ablaufbeschreibungen eines Konzertes gemeint sondern auch thematische Strukturen in musikalischen Werken. Davon leitet sich der Name Programmmusik ab. Eine der direktesten Umsetzungen dieses Anliegens findet sich im Werk „Bilder einer Ausstellung“ des russischen Komponisten Modest Mussorgski. Andere sehr anschauliche Beispiele – wenn man das in der Musik so nennen darf – sind die „Die vier Jahreszeiten“ Antonio Vivaldis oder „Die Moldau“ von Bedřich Smetana.

Solange Sie die Orchester unseres Vereins nicht mit Livemusik unterhalten können, lassen Sie doch solche wundervollen Bilder vor Ihrem geistigen Auge beim Hören jener Werke entstehen. Die kommenden Tage bieten ein wenig Ruhe dafür.

Der Musikverein „Frei weg“ wünscht allen Bittenfeldern
Frohe Ostern.

Piccolo

Wie klein die Welt sein kann, hat unser derzeit größtes Problem gezeigt. Die Ausbreitung des Covid-19-Virus ging rasend schnell und erreichte binnen Wochen jeden Winkel unseres Planeten, wenn man von der Antarktis wegen deren Sonderstellung absieht.

Aber das selbst Kleines groß sein kann, kennen wir ja gleichfalls aus der Musik. Der Triangel zum Beispiel, so unspektakulär er aussieht, verleiht manchen Musikstücken erst das reizende i-Tüpferl. Und denken wir erst an das Tirilieren und Brillieren einer Piccoloflöte. Wir vom Musikverein „Frei weg“ sind froh, eine Meisterin dieses wirklich kleinen und feinen Instrumentes in unseren Reihen zu haben.

Obwohl die Miniflöte, die zu den Holzblasinstrumenten zählt, in ihren Abmaßen eher winzig ist, kann man sie kaum überhören. Das liegt an ihrem schrillen Klang. Sie ist noch eine Oktave höher gestimmt als eine Querflöte. Damit ist sie selbst in gut besetzten Sinfonieorchestern das höchste Instrument. Diese überragende klangliche Qualität hat die Piccoloflöte von ihren Vorfahren geerbt, die in der Militärmusik dienen mussten. Dort war sie so markant, dass sie gemeinsam mit der kleinen Trommel den typischen Klang der zu Fuß ziehenden Landsknechte ausmachte. Jenes hohe Maß an Wiedererkennbarkeit ebnete der kleinen Flöte schließlich auch den Weg in die klassische Musik. Mozart verwendete sie ganz gezielt in seiner Oper „Die Entführung aus dem Serail“, um der türkischen Infanterie – den Janitscharen – ein akustisches Kostüm zu verleihen. Auch spätere Komponisten gebrauchten die Piccoloflöte gerne, um Schauerliches noch zu unterstreichen. Beethoven dagegen nutzte den speziellen Sound für nacherlebbares Sturmbrausen im Satz „Gewitter, Sturm“ in seiner 6.Sinfonie. Bei Richard Strauss und Gustav Mahler schließlich wurde dieses Instrument sogar als Soloinstrument eingesetzt.

Bis Sie die Piccoloflöte bei uns wieder hören können – vielleicht im Yorkschen Marsch – vielleicht im Herbst – werden noch ein paar Tage vergehen. Aber vorfreuen kann man sich schon jetzt.

Scherzo

Nach einer rustikalen Definition ist Humor, wenn man trotzdem lacht. Das vergangene Jahr und ebenso der Start in dieses haben leider wenig Gelegenheit für ausgelassene Stimmung geliefert. Im Gegenteil, in den zurückliegenden Monaten hatten einige unserer Mitmenschen persönliche Tragödien zu erdulden. Bedauerlicherweise ist auch keine baldige Aufnahme des Konzertbetriebes in Sicht, der vielleicht ein wenig Ermunterung versprechen würde. Die Musik kann ja genau wie die Zeit Wunden heilen.

Bis wir also Freude durch live gespielte Melodien spenden dürfen, müssen wir uns mit ein wenig Theorie behelfen. Heute geht es um das Scherzo, in der Musik versteht sich. Es ist ein Kuriosum, dass so bezeichnete Instrumentalstücke nicht unbedingt witzig sein müssen. Natürlich wurde der Begriff für eher flott vorgetragene, ausgelassene und heitere Sätze in Sinfonien geprägt. Vermutlich geschah dies aber in einer übertriebenen Huldigung der italienischen Sprache, vergleichbar den merkwürdigen Blüten, aus dem Denglischen unserer Tage. So kennen zum Beispiel die Bürger des Vereinigten Königreiches genau wie wir ein Home Office, allerdings meinen sie damit das Innenministerium.

Doch zurück zum Scherzo. Hayden und Beethoven haben es oft als dritten Satz in ihre Sinfonien eingebaut. Ein Platz, den in der Wiener Klassik Mozarts das Menuett innehatte. Interessanterweise versuchte Beethoven, die vorgenannte Begriffsverwirrung zu umgehen, indem er ab der 5. Sinfonie den Sätzen nur noch Tempoangaben zuordnete wie „Allegro con brio“ oder „Andante con moto.“

Weiterhin bemerkenswert ist, welche Entwicklung das Scherzo nahm. Aus der Feder Frédéric Chopin wurde es ein unheimliches „Scherzo diabolico“, während es bei Gustav Mahler in die Richtung einer melancholisch-grotesken Stimmung ging. Dmitri Schostakowitsch schließlich verlieh dem Scherzo gar etwas Tragikomisches.

Doch grau ist alle Theorie. Vielleicht können wir mit folgender Episode wenigstens für ein stilles Lächeln sorgen.

Ein Hornist tritt an das Notenpult seines Mitspielers heran und fragt: „Was spielen wir denn heute?“ Der guckt irritiert und antwortet: „Weiß ich auch nicht. Als ich kam, waren die Noten schon aufgeschlagen.“

Musikdirektor

Das ist eine ziemlich sperrige Übersetzung der italienischen Anrede „Direttore della Musica.“ In Deutschland ist die Benennung Dirigent viel gebräuchlicher.

Augenscheinlich ist, dass viele Chöre und Orchester – vor allen größere – einen haben. Warum eigentlich? Jazzbands, Rockformationen, Girl- oder Boygroups kommen doch auch ohne aus.

Nun die persönliche Verantwortung eines Musikers, möglichst fehlerfrei sein Instrument zu beherrschen, wurde vergangene Woche an dieser Stelle thematisiert. Jedoch ein Musikstück technisch einwandfrei wiederzugeben, konnten Musikautomaten bereits vor über 200 Jahren. Das ist zwar nett anzuhören. Allerdings wirkt diese Musik auf den Zuhörer bisweilen eher künstlich als kunstvoll. Um Musik voll Kunst zu machen, muss die Interpretin oder der Interpret zur Idee des Komponisten eben noch etwas von seiner Persönlichkeit dazugeben. Spielt man alleine, ist das nur eine Frage der eigenen Fähigkeiten und Gaben. Musiziert man gemeinsam, bedarf es der Abstimmung und Koordination. In kleinen Gruppen ist das mit weniger Problemen verbunden als in großen. Doch selbst im kleinen Kreis gibt es oft einen Bandleader, der ansagt, wo es lang gehen soll. Selten sind es Zwei, die sich die Aufgabe teilen, wie bei den Beatles etwa.

Würde in einem Sinfonieorchester jeder der zweifellos exzellenten Musikanten seine Auslegung des Notenmaterials zum Besten geben, würde uns das Ergebnis wohl wenig begeistern. Deshalb betraut man Eine oder Einen mit der künstlerischen Leitung. Das für das Publikum sichtbare „Rumfuchteln“ zur Vorgabe des Tempos und der Lautstärke während einer Aufführung ist dabei nur einer kleiner Teil der Pflichten. Die Ausrichtung des Klangkörpers durch Auswahl der zu spielenden Stücke und die Vorgabe und Durchsetzung der Gestaltung sind noch wichtiger und aufwendiger. Wenn der Dirigent also für ein Konzert zwischen Publikum und Orchester tritt, hat er den Großteil seiner Anstrengungen bereits hinter sich.

Leider müssen wir Musikschaffende vom Verein „Frei weg“ auf diesen Aspekt unserer musischen Freizeitgestaltung zurzeit verzichten. Noch trainieren wir Spieltechnik und Ansatz alleine, hoffen aber auf baldige gemeinsame Musikstunden.