„Wie sehr auch Euer Innres widerstrebe,
Gehorcht der Zeit und dem Gesetz der Stunde!“
Es immer wieder erstaunlich, welche zeitlosen und klugen Worte Friedrich Schiller fand, um uns im Trubel des Alltäglichen auf Grundsätzliches hinzuweisen. In der Tat wirken manche Versuche, sich dem Diktat der Zeit zu entziehen, ziemlich bizarr. So überraschte der Streamingdienst Netflix im Herbst vergangenen Jahres mit dem Plan einer neuen Funktion, mit der sich die Filme samt Ton in 1,5-facher Geschwindigkeit abspielen lassen. Die Möglichkeit „Zeit zu sparen“ scheint verlockend. Der Mafia-Film „The Irishman“ zum Beispiel ließe sich auf diese Weise deutlich schneller als in den vorgesehenen dreieinhalb Stunden bewältigen. Und für alle Staffeln der Netflix-Serie „House of Cards“ benötigte man nur 55 statt 73 Stunden.
Bei Filmkünstlern allerdings kam diese Turbo-Funktion gar nicht gut an. Schließlich wird das jeweilige Werk dann nicht mehr so betrachtet, wie der Regisseur es vorgesehen hatte. Pixar-Regisseur Brad Bird („Die Unglaublichen“) machte seinem Unmut auf Twitter Luft: „Eine weitere spektakulär schlechte Idee und ein weiterer Schlag gegen das ohnehin schon ausblutende Kino-Erlebnis.“ Auch „Spider-Man“-Macher Peter Ramsey verabscheut die neue Funktion: „Wollen ‚Kunden‘ auch 1,5 mal schneller essen oder Sex haben? Muss alles auf die Faulsten und Geschmacklosesten ausgelegt werden?“
Warum diese Gedanken hier in dieser Rubrik besprochen werden? Nun weil auch in der Musik die Zeit beziehungsweise die Geschwindigkeit – unser Maß sie zu erleben – eine immense Bedeutung haben. Ausgerechnet in einer so entschleunigten Phase wie den letzten Wochen, in der man auf so manche gewohnte Aufgabe und Zerstreuung verzichten musste, konnte man schon mal auf den phantastischen Gedanken verfallen, nun all die Musik zu hören, für die man sich bis dato nie genug Zeit genommen hatte, je mehr desto besser. Aber gerade beim Medium Musik, das wie kein zweites unsere Gefühle anspricht, wären die Verluste größer als der Gewinn. Denn Gefühle brauchen ihre Zeit, um sich zu entwickeln. Was nutzt das kalte Abhaken endlich dieses oder jenes Werk erledigt zu haben, wenn man genau das, wofür es komponiert wurde, nicht mehr fühlen und erleben kann?
Übrigens gehört der Marsch „Im Tempo unserer Zeit“ von Vaclav Vackar zum Repertoire unserer aktiven Kapelle. Noch üben ihn die Musiker jeder für sich daheim. Aber sobald es geht, wollen wir damit wieder in aller Öffentlichkeit für gute Laune sorgen.
